Bauen oder nicht bauen, das ist hier die Frage

Nur wenige Bauvorhaben in Deutschland sind so umstritten wie der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam. Von Matthias Grünzig. Erschienen am 6. Mai 2016 in der Berliner Morgenpost. Hier gelangen Sie zur pdf-Datei des Artikels.



Der Ungeist von Potsdam

Die Garnisonkirche war einst ein Wahrzeichen der preußischen Residenzstadt. Nun wird, nach jahrelangem Streit,
über ihren Wiederaufbau entschieden. Zeit, die finstere Geschichte des Gebäudes offenzulegen.
VON MATTHIAS GRÜNZIG erschienen in der ZEIT Nummer 15 vom 31. März 2016

 

Im Kirchenschiff und auf den Emporen sind ausschließlich Braunhemden zu sehen: Fast 3000 Parteigenossen haben sich am 19. August 1933 in der Potsdamer Garnisonkirche versammelt, um der Fahnenweihe der NSDAP beizuwohnen. Das traditionsreiche Gebäude – es ist bis auf den letzten Platz besetzt – verleiht der Veranstaltung einen geschichtsträchtigen Rahmen. Oben, an den Pfeilern des Kirchenschiffes, hängen die Fahnen der alten kaiserlichen Armee. Unten, im Altarraum, stehen die Fahnenträger der NSDAP mit ihren Hakenkreuzflaggen.

Zum Auftakt erklingt das Lied Ich hab mich ergeben, das Nationalisten aller Richtungen schon im 19. Jahrhundert sangen. Es folgt das in der SA beliebte Thüringische Schulgebet  des Nazi-Dichters Arno Kühn. Dann spricht Pfarrer Curt Koblanck. Mit markigen Worten erinnert er daran, wie treu die Gemeinde zu den Fahnen der preußischen Armee gehalten habe. Die gleiche Treue verdiene nun der »Führer«. Hart hallen die Worte Koblancks durch die Kirche: »Wer leben will, der kämpfe, und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht!« Zum Schluss deklamiert er: »Niemals hat ein Volk sich seinen Raum erworben ohne Kampf. Das ist das alte Gesetz, das durch die ganze Weltgeschichte hindurchgeht: Kampf!«

Die Veranstaltung ist, wie viele weitere NS-Versammlungen in der Garnisonkirche, gut dokumentiert, allen voran der »Tag von Potsdam« am 21. März 1933, als Adolf Hitler und Paul von Hindenburg das Bündnis zwischen den nationalsozialistischen und den deutschnationalen Kräften besiegelten. Wer in die Akten schaut, wird auch darüber hinaus reichlich fündig. Doch nicht jeder will hinsehen.

Seit 2004 setzt sich eine rdergesellschaft für die Rekonstruktion der Kirche ein; 2008 wurde die Stiftung Garnisonkirche ins Leben gerufen. Bereits 2017 will man mit den Arbeiten beginnen. Im Zweiten Weltkrieg war das 1735 fertiggestellte Gebäude schwer beschädigt worden, 1968 wurde die Ruine gesprengt. Als Erstes soll nun der Turm wiedererstehen, geschätzte Kosten: 37,8 Millionen Euro.

Immer wieder kam es darüber zu Konflikten. Vor zwei Jahren gipfelten sie in einem erfolgreichen Bürgerbegehren gegen das Projekt. Demonstranten hielten Plakate hoch, auf denen die Silhouette der Kirche anstelle des Hakenkreuzes in einen weißen Kreis auf  rotem Grund montiert war. Jetzt, am 8. und 9. April, soll die Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz über den Wiederaufbau entscheiden.

Zur Weimarer Zeit war die Garnisonkirche ein Wallfahrtsort der Antidemokraten

Dass dabei unangenehme historische Fragen auf den Tisch kommen werden, ist auch der Fördergesellschaft und der Stiftung bewusst. Sie versprechen daher ge- flissentlich einen »ehrlichen Umgang« mit der Geschichte. Tatsächlich sind sie davon weit entfernt. Das Buch Die Garnisonkirche – Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte von Andreas Kitschke, das die Förderer herausgegeben haben, blendet die unselige Rolle des Gebäudes während der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus fast vollständig aus. Nach dem »Tag von Potsdam« 1933, behauptet der Autor, habe es hier nur zwei nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen gegeben. Noch fragwürdiger ist die Darstellung auf der Internetseite der Stiftung. Diese beschränkt sich auf die Zeit nach 1945. Statt historischer Aufklärung gibt es Compute animationen des Gebäudes vor wolkenlosem Himmel. Wolkenlos war der Himmel über der Garnisonkirche nie. Das Gotteshaus ist eines der umstrittensten Gebäude Deutschlands. Bereits vor 1933 zählte es zu den Sehnsuchtsorten antidemokratischer und nationalistischer Kräfte. Es galt als »Heiligtum Preußen- Deutschlands«, als »Wallfahrtsort aller national denkenden und fühlenden Kreise«, als »Pilgerstätte«, in der »die vaterländisch gesinnten Kreise sich Stärkung für den Kampf um das echte Deutschtum suchen«.

Dazu trug nicht zuletzt die Architektur bei, die die militärische Stärke Preußens zur Schau stellte. Der Turm war mit Reliefbildern von Gewehren, Schwer tern, Pfeilen, Pistolen und Waffenbündeln übersät. Auf den Podesten standen Trophäen, die erbeutete Waffen der Gegner darstellten und von den Siegen Brandenburg-Preußens kündeten. Über allem thronte eine Wetterfahne, die den Leitspruch des Erbauers Friedrich Wilhelm I. Nec soli cedit (»Selbst der Sonne weicht er nicht«) illustrierte: Kampfeslustig reckte sich auf ihr der preußische Adler der Sonne entgegen.

Ebenso waffenstarrend war die Gruft im Inneren, in der die Särge der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. standen. Sogar das Kirchenschiff hatte man mit Symbolen der siegreichen Kriege Preußens und des Kaiserreichs ausstaffiert. Hier wehte er, der viel beschworene »Geist von Potsdam«: Treue bis in den Tod bedingungsloser Gehorsam, Kampf bis zum letzten Blutstropfen.

Nach der deutschen Niederlage von 1918 entwickelte sich die Garnisonkirche zu einer Trutzburg, in der Nationalisten, Antidemokraten und Antisemiten aller Couleur ihren Hass auf die Demokratie kultivierten. Hier trugen die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), der Stahlhelm, der Reichskriegerbund »Kyffhäuser« und die Vereinigten Vaterländischen Verbände ihre Tiraden gegen die Republik vor. Die Demokratie wurde in Reden und Predigten als »Armenhaus und Irrenhaus«, als »großes Reich der Lüge« und als »welthistorische Pleite« diffamiert. Zwei Gemeinden wirkten an der Kirche: die Militärgemeinde für die Soldaten der Potsdamer Garnison und die Zivilgemeinde. Letztere gestattete bereits im November 1919 eine Propagandaveranstaltung der DNVP mit dem Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff, in der zum Sturz der Demokratie und zu einem neuen Waffengang aufgerufen wurde. Offen gegenüber rechten Organisationen zeigte sich auch der Pfarrer der  Militärgemeinde Curt Koblanck, der 1925 sein Amt antrat. Im Pfarrarchiv der Garnisonkirche finden sich freundschaftliche Briefwechsel zwischen Koblanck und rechtsradikalen Organisationen wie dem Stahlhelm und der SS. Seine Briefe unterzeichnete er schon vor 1933 »Mit Deutschem Gruß« oder auch mit »Heil Hitler«.

Früh öffnete sich die Garnisonkirche der NSDAP. Am 4. April 1932 veranstaltete die Partei in Potsdam einen Wahlkampfauftritt mit Adolf Hitler, gekrönt von einem Fackelzug. Die Garnisonkirche diente als Kulisse: In Abstimmung mit dem Gemeindekirchenrat erstrahlte sie in Festbeleuchtung und machte ihre Tore weit, flankiert von fackeltragenden SA-Männern.

In einem Leserbrief an das sozialdemokratische Potsdamer Volksblatt verurteilten daraufhin zwanzig aufgebrachte Christen diese Anbiederung. Die Gemeinden der Garnisonkirche revanchierten sich auf ihre Weise: Sie luden zur 200-Jahr-Feier am 31. Juli 1932 zwar zahlreiche Medien ein, doch das Potsdamer Volksblatt blieb außen vor. Auch andere kritische Zeitungen hatten das Nachsehen. Blätter aus »jüdischen Verlagen« erhielten ohnehin keine Einladung.

Der »Tag von Potsdam« am 21. März 1933 machte die Garnisonkirche endgültig zur nationalsozialistischen Weihestätte. Pfarrer Curt Koblanck feierte das Ereignis als »Opfergang« der »geeinten deutschen Volksgemeinschaft«. Alfred Rittner vom Gemeindekirchenrat der Zivilgemeinde jubelte: »Ein unvergeßlicher Tag, ein Tag von tiefstem Erleben, der uns die Gewißheit gab: Der Geist von Potsdam lebt!«

Zum einjährigen Jubiläum schickten die Gemeinden Dankschreiben an Hitler und Hindenburg. Das Pult, an dem Hitler 1933 seine Rede gehalten hatte, wurde regelmäßig mit Tannengirlanden geschmückt. Und wo sich Reichskanzler und Reichspräsident die Hände gereicht hatten, legte man Kränze nieder. Die Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 zeigten, dass die Mehrheit dies guthieß: Die NSDAP-nahen Deutschen Christen erreichten 56,3 Prozent der Stimmen.

Da auch die konkurrierende Liste »Evangelium und Kirche« mit NSDAP-Leuten durchsetzt war, belief sich der Anteil der Parteimitglieder im Gemeindekirchenrat

sogar auf rund zwei Drittel. Veranstaltungen von NS-Organisationen waren fortan an der Tagesordnung. Am 16. September 1933 lud man zum »Tag des Staatsrates« mit Hermann Göring. Am 29. Oktober folgte eine Fahnenweihe der nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation. Am 26. November zelebrierte die NSDAP eine Totenfeier. Am Morgen des 24. Januar 1934 hielt der Reichs- arbeitsdienst eine Feierstunde ab, am Abend fand eine Fahnenweihe der Hitlerjugend statt. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

 

Von 1937 an glichen die Gottesdienste nationalsozialistischen Spektakeln

 

Unter den Pfarrern der Garnisonkirche gab es keinen, der aufbegehrt hätte. Alle haben sich dem »Führer« treu ergeben. Curt Koblanck wurde Ende 1934 zum Hee- resoberpfarrer befördert und nach Münster versetzt. Sein Nachfolger Werner Schütz war ebenfalls begeisterter Nazi; in seinem Buch Soldatentum und Christen- tum propagierte er den »totalen Krieg«. Auch die von 1937 an amtierenden Pfarrer Rudolf Damrath und Johannes Doehring (dessen Vater Bruno Doehring zwischen 1914 und 1918 als Domprediger in Berlin zum »Heiligen Krieg« aufrief ) waren Anhänger des Regimes. Ihre Gottesdienste glichen nationalsozialistischen Spektakeln. Die Predigten schlossen mit Fürbitten für Hitler. Dankgottesdienste zum Jahrestag der »Machtergreifung«, des »Tags von Potsdam« und des »Anschlusses« Österreichs oder zum Geburtstag Hitlers gehörten selbstverständlich mit ins Programm.

Schwierig gestaltete sich das Verhältnis zu den anderen Potsdamer Gemeinden. Denn die Garnisonkirche war privilegiert, sie verfügte über viel Geld, und die Zivilgemeinde war direkt dem Oberkirchenrat unterstellt. Als der Kantor der Nikolaikirche an die Garnisonkirche wechselte, eskalierte die Situation. Der Pfarrer der Nikolaikirche startete eine regelrechte Kampagne. Seine Kollegen an der Garnisonkirche würden zwar mit »Heil Hitler!« grüßen, insgeheim aber Sympathien für die Bekennende Kirche hegen. Doehring und Damrath wiesen die Vorwürfe zurück, und auch die Deutschen Christen im Gemeindekirchenrat bestätigten deren Führertreue. Außerdem wiesen sie darauf hin, dass führende Nationalsozialisten gute Beziehungen zu den Pfarrern unterhielten. Rudolf Damrath und Johannes Doehring machten während des Krieges denn auch steil Karriere. Damrath brachte es sogar bis zum obersten Pfarrer im besetzten Frankreich, und am 19. Juli 1940 durfte er in der Kathedrale Notre-Dame in Paris die Siegespredigt halten.

Während des Zweiten Weltkrieges erreichte der Kult um die Garnisonkirche seinen Höhepunkt. Am 3. September 1939 gab es einen großen Gottesdienst, in dem die an die Front abrückenden Regimenter gesegnet wurden. Vom 4. bis 10. Oktober 1939 feierte man den Sieg über Polen mit täglichem Glockengeläut.

Nach den Niederlagen von Moskau und Stalingrad änderte sich das Bild. Nun galt es, den Durchhaltewillen zu stärken. Das Schicksal Friedrichs II. musste herhalten, um die Moral zu heben: Während des Siebenjährigen Krieges hatte der Preußenkönig gegen eine übermächtige Koalition aus Frankreich, Russland und Österreich gekämpft, den Krieg am Ende aber dennoch für sich entscheiden können. Die Veranstaltungen in der Garnisonkirche trugen Titel wie »Ewiges Deutschland« und beschworen den »Endsieg«.

So ging es weiter und weiter. Selbst am 24. Januar 1945 wurde noch eine NS-Feier abgehalten. Erst die Zerstörung der Kirche durch britische Bomber am 14. April 1945 setzte dem ein Ende. Der Bau, in dem von seiner Errichtung an der Krieg geheiligt worden war, fiel selbst dem Krieg zu Opfer.

Die Geschichte der Garnisonkirche stellt für das Wiederaufbauprojekt eine schwere Hypothek dar. Ist es wirklich die Mühen wert, ein Gebäude wieder zu errichten, das nicht nur ein Sinnbild des preußischen Militarismus war, sondern auch Pilgerziel für Demo- kratieverächter und nationalsozialistische Weihestätte? Auf diese Frage muss die Synode eine Antwort finden, die in ein paar Tagen in Berlin beginnt. Die historischen Fakten sollte sie dazu zur Kenntnis nehmen.

 

Der Autor ist Journalist und arbeitet derzeit an einem Buch über die Garnisonkirche im 20. Jahrhundert

 

 

Geistlicher Missbrauch

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 18.03.2016

POSITION Geistlicher Missbrauch

Mein Vorschlag: Statt der Garnisonkirche ein kopfüber stehender Turm Von Matthias-W. Engelke

Versöhnung setzt voraus, Konflikte nicht zu scheuen, sonst haben wir Harmoniezwang. Es gilt, Tat und Person zu trennen, Schuld und Versagen eher sich selbst zuzuschreiben als andere damit zu verurteilen. Die biblische Erzählung von Jakob und Esau vermittelt, dass Versöhnung nicht möglich ist, ohne sich selber zu verändern. In der Botschaft von der Feindesliebe Gottes in und durch Jesus Christus ist es möglich, diese zu leben auch ohne die Angst vor dem Tod. Seine Auferstehung ereignet sich zwischen den Menschen, die nach seinem Maß leben. Versöhnung ist damit immer ein personales Geschehen, nicht organisier- oder institutionalisierbar.

Der „Ruf aus Potsdam“ spricht von der „Hinrichtung“ der Garnisonkirche. Ist das die richtige Wortwahl? Ich denke an diesem Ort eher an die Exekutierten seit Bestehen der Garnison. „Unter Gottes Wort“ seien „Zivilisten und Soldaten, Hofgesellschaft und Bürger“ versammelt. In Wirklichkeit saßen sie schön getrennt und der König führte die Gesamtaufsicht auch über seine Kirche unter anderem durch Predigtkritik und Bücherverbot. Das Nutzungskonzept von 2001 spricht von „Zukunftsenergien“. Wie können diese durch einen Bau freigesetzt werden? Es wird an Coventry erinnert, doch dort erinnert eine Ruine an den Krieg. Das Nutzungskonzept von 2005 verweist auf das Glockenspiel „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“. Dabei wird übersehen, dass der Aufbau eines stehenden Heeres dem Frieden von Utrecht von 1713 widersprach, dem Preußen beitrat. Es war Völkerrechtsbruch. Das „sichere Wissen“, dass der Mensch „gerecht und Sünder zugleich“ sei, ist ohne Bezug auf Gott und Jesus – so wie es dort steht – ohne inhaltlichen Bezug und damit sinnlos. Die Diskontinuität, von der die Rede ist, spiegelt sich nicht im Plan für das Gesamtgebäude wider.

Der Titel „Siehe ich mache alles neu“ stellt die Wiedererrichtung der Garnisonkirche in einen Zusammenhang mit der von Christen erhofften Vollendung der Welt durch Jesus. Das ist geistlicher Missbrauch und bleibt nicht folgenlos. Ich kann davor nur warnen. Laut Bischof Dröge wird durch die „Versöhnungsbotschaft“ ein „zutiefst christlicher Ort“ entstehen. Soll also etwas wie ein Tempel neu erstehen? Der Bischof spricht in einem Atemzug vom Ruf des Evangeliums wie dem „Ruf aus Potsdam“. Hier wird Gottes Wort instrumentalisiert. Das ist ein Ausdruck von Selbstermächtigung. Joachim Zehner weist zu Recht darauf hin, dass ein Erbe nicht weggesprengt werden kann. Aber ist Umkehr möglich, ohne von der Militäraffinität der Kirche abzurücken?

Kirche ist die Gemeinschaft derer, die zu Jesus Christus gehören. Zwischen ihnen wird Jesus als der Auferstandene lebendig. Zwischen den auf Christus Getauften entsteht der Raum für Gottes neue Welt. Gebäude materialisieren die gegenwärtigen Begegnungs- und Bewegungsformen. Der Slogan in der Selbstdarstellung der Stiftung „Mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam schaffen wir … Raum für das Erinnern der wechselvollen Geschichte dieses Ortes, Raum für das Lernen aus dieser Geschichte und Raum für das Leben“ ist darum theologisch gesprochen Unsinn. Die Feier des Auferstanden beinhaltet das Zeugnis für den Auferstandenen Jesus Christus in unserem Reden und Leben zumindest durch freiwillige Armut, ein Leben in Gemeinschaft und Gewaltfreiheit.

Das Gebäude selbst vermittelt die Botschaft, dass Menschen getrennt werden (Soldaten und Bürger), Aufsicht geübt wird, statt an der Fußwaschung Jesus ein Beispiel zu nehmen. Im Zentrum aber steht die Gruft. Warum sollen sich Christen um eine Gruft versammeln? Die Frauen, die die Grablege Jesu suchten, bekamen zu hören: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten“ (Lukas 24,5f).

Die Dreiheit von Altar, Kanzel und Gruft ist ohne die Armut Jesu, von dem bezeugt wird „ich habe keinen Platz, wo ich mein Haupt hinlegen kann“ (Matthäus 8,20); ohne die Gewaltfreiheit Jesu, der verheißt „Selig sind die, die keine Gewalt anwenden“ (Matthäus 5,5) und ohne die Gemeinschaftlichkeit Jesu, die keine Zwangsgemeinschaft (Wehrzwang) verträgt.

Mein Respekt gehört denen, die dem Versuch eines nationalistisch gesinnten Wiederaufbaus der Garnisonkirche widerstanden haben. Es ist nachvollziehbar, sich damit auseinanderzusetzten, wie die „Leerstelle“ gefüllt wird. Aber ist daraus inzwischen ein Selbstläufer geworden?

Mit meinem Vorschlag möchte ich Horizonte eröffnen, das Gleiche lernen, neu zu sehen. Ich schlage vor: Baut den Turm, als Zeichen der Umkehr, kopfüber. Wenn das nicht geht, dann als liegender Turm, wie alle Soldaten, die ihr Leben im Krieg beenden müssen und „Gefallene“ genannt werden. Im Turm dienen Ausstellungen dazu, die Wirklichkeit des Krieges ungeschönt darzustellen, von den Verletzungen bis hin zu den Bordellen für die Soldaten.

Auf dem Gelände – so mein Vorschlag – entsteht eine Dauerbaustelle: Alle zehn Jahre werden in einem internationalen Wettbewerb Entwürfe prämiert, wie an dieser Stelle mit dem Erbe umzugehen sei. Holografien machen die Entwürfe erlebbar. Die Evangelische Kirche in Deutschland kann der Welt mehr schenken als die Wiederherstellung des Berliner Domes, der Frauenkirche zu Dresden und die Wiedererrichtung der Militärkirche zu Potsdam.

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und Vorsitzender der Friedensorganisation Internationaler Versöhnungsbund. Der Text ist eine Kurzfassung seiner Rede, die er am Dienstag in der Französischen Kirche bei der Veranstaltung der Initiative „Christen ohne Garnisonkirche“ gehalten hat.

Christen gegen die Garnisonkirche

Neues Deutschland vom 12.06.2015

Aufruf mittlerweile von mehr als 500 Menschen unterschrieben

»Unten bleiben« fordert die Initiative »Christen brauchen keine Garnisonkirche« angesichts eines Turms, der 88 Meter hoch sein soll.

Sie sind Protestanten und sie protestieren - gegen den von einer evangelischen Stiftung geplanten Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche. Das barocke Bauwerk war bei einem Bombenangriff im April 1945 ausgebrannt und wurde 1968 abgerissen. Am Weltfriedenstag, dem 1. September 2014, unterzeichneten 70 prominente Persönlichkeiten den Aufruf »Christen brauchen keine Garnisonkirche«, unter ihnen Pfarrer Friedrich Schorlemmer und Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD).

Sie erklärten: »Wir wollen dem Eindruck entgegentreten, alle Christinnen und Christen würden dem Vorhaben einhellig zustimmen.« Mittlerweile haben sich mehr als 500 Menschen angeschlossen. Die Initiative »Christen brauchen keine Garnisonkirche« lehnt den Wiederaufbau ab, »weil er eine missverständliche Stellungnahme zur Geschichte dieser Kirche ist«. Christliche Zeichen des Friedens müssten eindeutig sein.

In dieser Kirche seien aber regelmäßig Kriegspredigten gehalten worden, sagt Sprecher Wolfram Hülsemann. »Diese Kirchenkopie zu bauen ist ein falsches und auch international ein fatales, ein peinliches Zeichen.« Über ihre Gegenwehr informierte die Initiative auf dem Markt der Möglichkeiten beim evangelischen Kirchentag in Stuttgart, der am 7. Juni mit einem Abschlussgottesdienst und einem Appell zum Frieden zu Ende ging. Immerhin, denn der kirchliche Friedensbeauftragte Renke Brahms meinte zwei Tage später, das Thema sei auf dem Kirchentag leider zu kurz gekommen.

88 Meter hoch solle der Turm wieder werden, mit Kriegsemblemen zugehängt und von einem preußischen Adler gekrönt, warnen die christlichen Gegner der Garnisonkirche. 40 Millionen Euro würde allein dieser erste Bauabschnitt kosten. »Unten bleiben«, fordert die Initiative. Mit »Unten bleiben« war auch ihr Beitrag in der Kirchentagszeitung »Protest« überschrieben. Darin hieß es, dass der evangelischen Kirche die Erhaltung ihrer Gotteshäuser in der Bundesrepublik »auf der Tasche« liege. »Dennoch schwebt über einem leeren Kirchengrundstück an der Breiten Straße in Potsdam die derzeit teuerste Kirchenbauidee Deutschlands wie eine schwarze Wolke. 100 Millionen Euro aus Spenden und Staatszuschuss sollen auf diesen historischen Ort niederkommen.«

In der Satzung der kirchlichen Baustiftung ist festgehalten, der Stiftungszweck werde insbesondere auch »durch Friedens- und Versöhnungsarbeit und deren Förderung verwirklicht«. Doch die martialische Außenform des Turmes werde zur Öffentlichkeit lauter reden als der versprochene Versöhnungsgeist von innen, schreibt Günther Köhler im Kirchentagsblatt. »Der Verzicht auf die bereits vorliegende Turmbaugenehmigung wäre ein deutlicheres Friedenszeichen.«

Diese Sätze sind in einem passenden Umfeld erschienen, neben Beiträgen zum Waffenhandel und zum Schuldbekenntnis der deutschen evangelischen Kirche unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nach eigenen Angaben wird die Initiative »Christen brauchen keine Garnisonkirche« seit März von der Martin-Niemöller-Stiftung unterstützt. Für den 31. Oktober organisieren die Initiative und die Niemöller-Stiftung eine Fachtagung in Berlin.

christen-brauchen-keine-garnisonkirche.de, Spendenkonto: Martin-Niemöller-Stiftung e.V., Postbank Frankfurt am Main, BIC: PBNKDEFF, IBAN: DE26 5001 0060 0004 1516 04, Stichwort: Nein zur Garnisonkirche

Christen gegen den Kirchenbau

Preussenspiegel vom 02.04.2015

Potsdam. Die bundesweit vertretene „Martin-Niemöller-Stiftung e.V.“ mit Sitz in Wiesbaden  kooperiert seit dem 27. März mit der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“. In einer  Erklärung heißt es: „Weil Kriege, Militarisierung der internationalen Beziehungen und Missbrauch von Religion zu kriegerischer Hetze bedrohlich aktuell sind, weil auch in Deutschland von „neuer Macht“ geredet, gegen eine „friedensverwöhnte“ Gesellschaft polemisiert und ein Ende der militärischen Zurückhaltung gefordert wird, brauchen wir heute ein anderes Zeichen als eine neue Garnisonkirche.“   Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.christen-brauchen-keine-garnisonkirche.de. (ela)

Pfarrer stellen sich gegen Aufbau der Garnisonkirche

"Heute brauchen wir ein anderes Zeichen" - Pfarrer stellen sich gegen Aufbau der Garnisonkirche

Artikel rbb online vom 29.08.2015

Mehr als 70 ranghohe Kirchenmitglieder haben öffentlich dazu aufgerufen, die Garnisonkirche in Potsdam nicht wiederaufzubauen. Es sei zweifelhaft, ob der Bau dem Konzept eines Versöhnungszentrums entsprechen könne. Bei dem Projekt gibt es immer wieder Vorstöße, möglichst wenig von dem preußischen Originalbau abzuweichen.

Mehr als 70 Pfarrer und andere Kirchenmitglieder haben sich in einem öffentlichen Appell gegen den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche ausgesprochen. In dem Aufruf, der in Berlin und Potsdam veröffentlicht wurde, heißt es: "Wir wollen dem Eindruck entgegentreten, alle Christinnen und Christen würden dem Vorhaben einhellig zustimmen." Zudem soll auch eine Internetseite freigeschaltet werden, auf der sich weitere Unterzeichner eintragen können.

Erstunterzeichner sind unter anderem die Theologin und frühere brandenburgische Ausländerbeauftrage Almuth Berger und die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD). Weitere Unterstützer sind der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer oder die Vorsitzende des Beirates von Transparency International, Barbara Stolterfoth.

Garnisonkirche: Unterstützer kritisieren neue Christen-Initiative

Artikel ekbo vom 28.08.2014

Die neue Christen-Initiative gegen den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche stößt bei den Unterstützern des Projekts auf großen Widerspruch. Die Unterschriftenaktion "erstaunt und verletzt gleichermaßen", erklärte das Bündnis Potsdamer Mitte am Donnerstag. Die Garnisonkirchenstiftung kritisierte, die Initiative habe sich öffentlich positioniert, ohne vorher ein direktes Gesprächsangebot aufzunehmen. Dies sei "kein guter Stil, denn es gibt nichts Besseres als direkte Gespräche".

Die Initiative "Christen brauchen keine Garnisonkirche" hatte am Mittwoch einen Aufruf veröffentlicht, der von mehr als 70 Pfarrern und anderen Kirchenmitgliedern aus dem gesamten Bundesgebiet unterzeichnet ist. Erstunterzeichner sind unter anderem die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), der frühere Mönch Fulbert Steffensky, die Politikwissenschaftler Hajo Funke und Wolf-Dieter Narr sowie Brandenburgs frühere Ausländerbeauftrage Almuth Berger. Am Wochenende soll auch eine Internetseite freigeschaltet werden, auf der sich weitere Unterstützer eintragen können.

Eine Bürgerbewegung, die sich als Motto "Schwerter zu Pflugscharen" auf die Fahnen geschrieben habe, sollte "auch in der Lage sein, heutigen Christen und Bürgern zuzubilligen, dass sie aus einer Garnisonkirche eine Versöhnungskirche" schaffen könnten, erklärte das Bündnis Potsdamer Mitte. Auch das Bündnis wolle keine Militärkirche. Eine Verklärung der deutschen Geschichte finde an dem Ort nicht statt, erklärte die Garnisonkirchenstiftung: "Schuld und Versagen werden konkret und öffentlich benannt."

Die Auseinandersetzung um das Wiederaufbauprojekt mache deutlich, dass ein "Diskurs in Gesellschaft und Kirche zur Aufarbeitung der Vergangenheit, der preußischen, der nationalsozialistischen bis hin zu den Ereignissen der Nachwendezeit" nötig sei, betonte die Stiftung. Erforderlich seien auch Gespräche zwischen Befürwortern und Gegnern der Garnisonkirche.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) kündigte einen Antrag zur Auflösung der kirchlichen Baustiftung an. Er werde den Antrag bei der nächsten Sitzung des Kuratoriums der Stiftung stellen, obwohl er selbst das Bauvorhaben befürworte, sagte Jakobs am Mittwochabend im Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung. Das Kuratorium tagt am 15. September. Das Stadtparlament hatte Jakobs mit der Übernahme eines Bürgerbegehrens gegen die Garnisonkirche im Juli aufgefordert, alle rechtlich zulässigen Möglichkeiten zur Auflösung der Stiftung zu nutzen.

Die Bürgerinitiative "Potsdam ohne Garnisonkirche" kritisierte das Vorgehen von Jakobs. Wenn der Oberbürgermeister den Beschluss der Stadtverordneten und das Bürgerbegehren ernst nehme, müsse er sich weit intensiver für die Auflösung der Stiftung einsetzen, sagte Sprecher Simon Wohlfahrt.

Die Bürgerinitiative überreichte Jakobs auch eine Maßnahmenliste zum Einsatz für die Auflösung der Stiftung. Darin heißt es unter anderem, Jakobs müsse sich bemühen, das Stiftungskuratorium und auch die bundesweite Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) von der Auflösung der Stiftung zu überzeugen. Die Gespräche, die der Oberbürgermeister mit jedem Kuratoriumsmitglied führen müsse, um die Auflösung der Stiftung herbeizuführen, müssten zudem "in Form eines Wortprotokolls der Öffentlichkeit transparent gemacht werden".